„Crowdfunding muss man eingebettet in eine Social-Media-Strategie sehen.“

By 30. November 2011 Nachgefragt One Comment
Wolfgang Gumpelmaier

Wolfgang Gumpelmaier (Foto: Dokville)

Als passionerter Web-User kam der Österreicher Wolfgang Gumpelmaier irgendwann nicht mehr am Thema Crowdfunding vorbei. Der Filmkritiker und Journalist gilt als Crowdfunding-Experte im Bereich Film. Sein Wissen vermittelt Wolfgang Gumpelmaier auf seinem Social Film Marketing Blog, bei Veranstaltungen, als Berater oder auch gern in Interviews.

Wolfgang, wie bist Du zum Experten auf dem Gebiet Crowdfunding geworden?

Wolfgang: Als Communications Manager der Online-Film-Plattform filmtiki.com habe ich vor einigen Jahren begonnen, mich sehr intensiv mit sozialen Medien auseinanderzusetzen. Da vor allem im Filmbereich die Suche nach Finanzierung immer ein großes Thema ist und wir selbst auch für unser Projekt neue Wege gehen wollten, stand unter anderem auch Crowdfunding bei mir auf dem Radar. Es folgte eine erste Kampagne auf Indiegogo, aus der ich viel lernte. Denn zuvor war alles pure Theorie und im Laufe unserer Kampagne bemerkten wir, wie viel Arbeit und Planung so ein Vorhaben erfordert. Ab diesem Zeitpunkt habe ich mich vermehrt mit Crowdfunding beschäftigt, indem ich mich mit Plattform-Betreibern unterhalten, Projekte unterstützt, aber auch eigene Projekte durchgeführt habe.

Du hast Crowdfunding also aus allen Sichtweisen – ob als Projektinitiator, Unterstützer oder Berater – kennengelernt. Was macht für Dich persönlich den Reiz an dieser Finanzierungsmethode aus?

Wolfgang: Crowdfunding muss man eingebettet in eine Social-Media-Strategie sehen, nur so kann man damit erfolgreich sein. Wenn man das bedenkt, dann ist einem auch bewusst, dass es nicht nur um die Finanzierung eines Projektes geht, sondern auch um den Aufbau einer Community, der Vernetzung und Kommunikation mit den Fans bzw. dem Publikum oder dem Testen einer Idee. Der Reiz besteht also neben dem finanziellen Aspekt darin, dass man bereits sehr früh mit den späteren „Kunden“ in Kontakt tritt und sich Feedback einholt, um sein „Produkt“ (etwa einen Film oder eine Idee für ein Startup) zu verbessern. Heutzutage schätzen es immer mehr Menschen, wenn sie in Entstehungsprozesse mit eingebunden werden und aktiv mitgestalten können.

Du interessierst Dich seit längerem für das Thema Crowdfunding und hast den Start im deutschsprachigen Raum daher sehr genau beoachtet. Wie würdest Du die Entwicklung einschätzen?

Wolfgang: Eigentlich ganz gut, wenn man bedenkt, dass es Plattformen wie eure erst seit einem Jahr gibt. Natürlich braucht alles seine Zeit und aktuelle Projektinhaber kommen nicht herum, das Konzept des Crowdfundings ihren künftigen Sponsoren zu erklären. Aber mit jedem neu gestarteten bzw. erfolgreich abgeschlossenen Projekt wächst das Bewusstsein und die Akzeptanz in der Bevölkerung. Die Crowdfunding-Studie von ikosom etwa zeigt, dass sich die Zuwendungen durch die Crowd stetig erhöhen. Wir sind also auf dem richtigen Weg!

In den USA sind Plattformen wie kickstarter.com oder indiegogo.com diesen Weg schon vor einigen Jahren gegegangen. Was unterscheidet Europa, speziell den deutschsprachigen Raum, vom US-Markt?

Wolfgang Gumpelmaier

Wolfgang Gumpelmaier (Foto: Andreas Hafenscher)

Wolfgang: Bei uns gibt es zwar eine ausgeprägte Spendenmentalität, allerdings beschränkt sich diese zumeist darauf, am Jahresende mittels Zahlschein eine kleine Summe an (etablierte) Sozialvereine zu überweisen. Ich will damit nicht sagen, dass diese Vereine nicht mehr gefördert werden sollen. Ganz im Gegenteil, viele Menschen könnten und würden sogar mehr geben, wenn sie die Gelegenheit dazu hätten. Und hier kommt Crowdfunding ins Spiel: Um sich auch in der breiten Masse etablieren zu können, müssen etwa die Bezahlstandards an die Bedürnfnisse der potenziellen Sponsoren angepasst werden. Aktuell wird hier noch sehr viel experimentiert.

In den USA ist man diesbezüglich einen Schritt weiter. Kickstarter etwa arbeitet mit Amazon Payments, weil man erkannt hat, dass (fast) jeder US-Bürger einen Amazon-Account hat und damit die Hürde wegfällt, sich für die Bezahlung extra registrieren zu müssen. Aber natürlich gibt es in den USA auch sprachliche Vorteile, die man nicht unterschätzen sollte. Auf einer deutschsprachigen Plattform eine internationale Kampagne zu starten, ist nach wie vor schwierig, auch wenn manche Plattformen mittlerweile Zweisprachigkeit anbieten. Das alleine reicht aber nicht, denn man will und soll ja auch bloggen, Facebook und Twitter-Updates schreiben etc.

Wo siehst Du den dringendsten Nachholedarf?

Wolfgang: Ich glaube, worum es geht, ist Aufmerksamkeit zu generieren. In den Medien, bei der Bevölkerung, aber auch bei den Künstlern und Projektstartern. Vor allem sehe ich hier auch die Plattformen in der Pflicht, die zu diesem Zeitpunkt das Thema nur gemeinsam vorantreiben können. Und natürlich müssen zuvor noch die Basics der Social Media Arbeit gelernt und verstanden werden. Nur weil da eine Plattform mein Projekt aufnimmt, bedeutet das noch lange nicht, dass die Massen darauf klicken und es unterstützen. Diese Massen gezielt darauf hinzuweisen, ist harte Arbeit und muss von jedem Projektinhaber selbst geleistet werden.

Kannst Du eine Prognose wagen, wie es weitergehen wird? Und für wie sinnvoll schätzt Du eine Spezialisierung der einzelnen Plattformen zum Beispiel für die Gebiete Film oder Musik ein?

Wolfgang: Ich denke gut. Wie gesagt, es wird noch etwas Zeit brauchen, aber es wird sich etablieren. Nicht zuletzt auch, weil alternative Finanzierungsformen fehlen. Ob eine Spezialisierung sinnvoll ist, kann man jetzt noch nicht sagen. Dazu sind noch zu wenige Projekte online und erfolgreich durchgeführt. Aber grundsätzlich: Warum nicht? Ich könnte mir da vor allem Kooperationsangebote vorstellen, wie es etwa IndieGoGo und Distribber in den USA machen.

 

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