Rost mit viel Charme – Ein Lost Place in Plagwitz

By 29. März 2012 Nachgefragt No Comments
Lost Place Plagwitz.

Foto: Nadine Kotré

Es ist der erste wirkliche Frühlingstag des Jahres. Enno Seifried, Regisseur, Drehbuchautor und vieles mehr des Dokumentarfilms “Geschichten hinter vergessenen Mauern – Lost Place Storys aus Leipzig”, und ich treffen uns an einer Straßenkreuzung in Leipzig-Plagwitz. Unser Ziel: Ennos liebster Lost Place.

Alter Backstein, verbogene Metallträger, ein eingestürzter Schornstein – schon von außen wirkt das alte Industriekraftwerk imposant. Früher versorgte die Fabrik die gesamte umliegende Industrie einschließlich der Spinnerei mit Strom. Auf die Frage, warum es sein Lieblingsgebäude sei, antwortet Enno schnell: „Warte, bis du drinnen bist.“

Lost Place Plagwitz_ 18

Foto: Nadine Kotré

Der „Eingang“ in die Anlage befindet sich zu unseren Füßen. Ein circa 20 Zentimeter großer Spalt unter dem Tor ist unser Weg auf das Gelände. Scherben, Müll, wucherndes Gestrüpp – der erste Anblick zeugt von Verfall. Und macht neugierig.

Der Rundgang beginnt in einem großen hallenartigen Raum. Auf dem Boden türmen sich Metallteile, Kabel und Schutt jeder Art. “Sind unter den Gebäuden, in die Du gehst auch welche, bei denen es eher nicht so ratsam wäre?”, will ich von Enno wissen.

Lost Place Plagwitz_7

Foto: Nadine Kotré

“Im Endeffekt sind alle Gebäude risikoreich. Ich brauch nur nach oben zu gucken…” Er lacht. Der Blick nach oben offenbart mir zahlreiche lose Bretter und Rohre, die bedrohlich locker über unseren Köpfen hängen. “Aber gerade wenn es gebrannt hat, ist es besonders riskant. Im vergangenen Jahr gab es in Leipzig eine Brandserie, die vor allem LPs betroffen hat”, ergänzt Enno.

Lost Place Plagwitz_11

Foto: Nadine Kotré

Das ehemalige Industriekraftwerk wurde 1996 geschlossen. Vorausgegangenen waren Mahnwachen von Anwohnern und Aktivisten, die sich nicht mehr mit dem größten Umweltverschmutzer Leipzigs abfinden wollten. Bei der Sprengung des Schornsteins, die der Schließung folgte, kam es zu einer nervenaufreibenden wie kostspieligen Panne.

Lost Place Plagwitz_ 20

Foto: Nadine Kotré

“Das Sprengunternehmen hat irgendetwas falsch berechnet. Als Folge ist der Schornstein in eine riesige Kohlematschgrube gefallen und hat im Umkreis alle Häuser und Autos mit diesem Schlamm besudelt. Der gesamte untere Bereich der Anlage ist gut einen Meter hoch mit Kohleschlamm vollgelaufen. Alles in allem belief sich der Schaden auf ungefähr eine halbe Million D-Mark”, erzählt mir Enno, während wir uns an Spannungsanlagen vorbei in das Innere des Gebäudes bewegen.

Lost Place Plagwitz

Foto: Nadine Kotré

Zettelberge, herumliegende Schuhe oder Helme, zerbrochenes Geschirr – in fast keinem der Räume lässt sich der Fußboden so ohne weiteres ausmachen. Obwohl Enno schon unzählige Male in diesem Gebäude war, sagt er immer und immer wieder “Wahnsinn.”. In seiner Stimme schwingt Aufregung und Faszination mit. Nicht nur für das Gebäude und den Zustand, in dem es sich mittlerweile befindet, sondern auch für dessen Geschichte.

“Ich finde es einfach wahnsinnig spannend, wenn man sich überlegt, wie viele Leute hier einmal gearbeitet haben. Dieses Gebäude ist beispielsweise voller Lohnzetteln. Wenn man die Zeit und die Muße hätte zu recherchieren, könnte man sehr viel über die Geschichte der ehemaligen Betriebe herausbekommen.”

Lost Place Plagwitz_12

Foto: Nadine Kotré

Lost Place Plagwitz_6

Foto: Nadine Kotré

Lost Place Plagwitz_9

Foto: Nadine Kotré

 

Lost Place Plagwitz_8

Foto: Nadine Kotré

“Warum nimmt man so etwas nicht mit, wenn das Unternehmen geschlossen wird?”

Enno Seifried

Enno Seifried (Foto: Nadine Kotré)

“Ich hab das Gefühl, es wurde irgendwann einfach von einem Tag auf den anderen alles stehen und liegen gelassen und dann war Schluss. Wenn man keinen Grund mehr sieht, noch etwas auszuräumen, geht vermutlich alles ganz schnell…”, vermutet Enno.

Doch nicht nur Papiere oder Arbeitsmaterialien wurden zurückgelassen. Ganze Büroausstattungen wie Schreibtische, Schränke oder Lampen wurden neuen Besitzern überlassen. Ennos Wohnung erfreut sich beispielsweise dank der Leipziger Lost Places einer Vielzahl an Lampen. Eine Freundin, erzählt er, betrete kein Gebäude ohne einen Handwagen.

Lost Place Plagwitz_4

Foto: Nadine Kotré

Unser Weg führt uns über sehr wackelige und verrostete Treppenstufen hinauf bis unters Dach. Der Blick über Leipzig reicht weit. Enno gibt mir einen Überblick über die uns umgebenden Lost Places. Bis vor einem Jahr sei es deutlich einfacher gewesen, in die Gebäude zu gelangen. Doch inzwischen seien viele Anlagen – zum einen als Folge auf die Brandserie, zum anderen als Reaktion auf diverse Medienberichte über verunglückte Geocacher – eingezäunt und abgeriegelt worden. Viele LPs seien gänzlich verschwunden. Nur negativ sehen, kann Enno das jedoch nicht. “Ich finde es natürlich schön hier in diesem Dreck zu sein, aber ich finde es auch einfach schön, wenn die LPs ordentlich restauriert werden und eine neue Verwendung finden.” Für das Industriekraftwerk, in dem wir uns befinden, dürfte das schwierig werden. Bis auf die Grundmauern müsste vermutlich alles abgerissen werden.

Lost Place Plagwitz_3

Foto: Nadine Kotré

“Bei einigen Locations, die genauso hoch sind wie diese Anlage hier, kann man auf’s Dach gehen, sich sonnen und mit seinen Kumpels ein Bier trinken. Man hat einfach seine Ruhe.”  Auf andere Weise faszinierend muss ein altes Kasernengelände in Gohlis sein. Den Gebäuden dort, so berichtet mir Enno, würden die Dächer fehlen, was einen kleinen Wald umringt von Mauern zur Folge habe.

Lost Place Plagwitz_ 21

Foto: Nadine Kotré

Auf dem Weg zurück nach unten passieren wir wieder die marode Treppe. “Hier wird es beispielsweise irgendwann so sein, dass… Ach, das sag ich besser erst, wenn du unten bist.” Enno lacht, mir schwant Böses und ich achte bei jedem Schritt noch ein bisschen genauer auf das Knarren und Knacken.

Er kenne die Treppe noch, als sie fast intakt war. Heute fehlen mehrere Stufen und die verbliebenen machen nicht unbedingt den sichersten Eindruck. “Es ist mehr Rost als alles andere…”, bringt Enno es auf den Punkt. Rost mit viel Charme und einer ganz besonderen Atmosphäre.

Lost Place Plagwitz_17

Foto: Nadine Kotré

Lost Place Plagwitz_13

Foto: Nadine Kotré

Lost Place Plagwitz_16

Foto: Nadine Kotré

Eine Stunde lang führt mich Enno durch ein Gebäude, das vor 16 Jahren geschlossen wurde. Ein Gebäude, das die meisten vermutlich nur für einen heruntergekommenen Bau, einen ehemaligen Umweltverschmutzer halten. In Wahrheit erhält man hinter den rostigen Toren und verfallenen Mauern einen Einblick in die Geschichte Leipzigs fernab klassischer Touristenrouten.

“Der Film gewährt einen anderen Blick auf Leipzig. Es ist nicht das klassische Sightseeing wie beispielsweise über das Völkerschlachtdenkmal. Das ist natürlich auch schön und gehört dazu. Es gehört wahrscheinlich sogar mehr dazu, weil es mehr Menschen interessiert. Aber das ist einfach ein anderer, ein geschichtlicher Blick”, sagt Enno über seinen Film.

Der Erfolg seines VisionBakery-Projekt zeigt, wie viele auf genau diesen Blick gewartet haben.

Lost Place Plagwitz_10

Foto: Nadine Kotré

Lost Place Plagwitz_15

Foto: Nadine Kotré

 

Mehr Infos und alle Vorführtermine von “Geschichten hinter vergessenen Mauern – Lost Place Storys aus Leipzig” findet ihr hier:

http://www.lost-place-le.de

Eine Stunde lang führt mich Enno durch ein Gebäude, das seit  Oder die es für einen heruntergekommenen Bau halten, der eigentlich längst

Leave a Reply

     

Alle gewinnen oder keiner verliert Entdecke unsere Projekte