Unsere Facebook Lieblingsseiten – 14 Arten, den Regen zu beschreiben

Was tut man, eingeschlossen auf 14 Quadratmetern? Und was, wenn man von diesen paar Quadratmetern ausgeschlossen ist? – „14 Arten, den Regen zu beschreiben“ ein Dokumentarfilm von Marcel Ahrenholz.

Ich lernte Marcel diesen Sommer kennen und wir freundeten uns an. Danach trafen wir uns des Öfteren im Park und unterhielten uns über kreative Ideen. Vor rund einem Monat erzählte mir Marcel von seinem Filmprojekt für das er den PHOENIX-Förderpreis 2009 erhalten hatte.

Ich fand das Thema spannend und erschreckend zugleich. Als Marcel eine Facebook- Seite erstellte, war sie auch sofort unter unseren Lieblingsseiten. Über diesen Weg versucht Marcel, eine Familie zu finden, welche betroffen ist und sich von ihm begleiten lässt.

Stephan: Hallo Marcel. Bitte stell’ dic h doch kurz vor.

Marcel: Hallo Stephan, vielen Dank für die Einladung. Also ich bin 33 und komme aus Wolmirstedt, einem kleinen Ort bei Magdeburg. In Magdeburg hab ich ein Soziologiestudium angefangen, war dort aber öfters im Kino als im Hörsaal (wer mal hinkommt, dem kann ich das STUDIOKINO nur ans Herz legen!). Ja, dann diverse Praktika bei Film und Theater und schließlich die Filmschule in Köln. Und nun bin ich seit fast einem Jahr in Leipzig. Hier schreibe ich Filmkritiken für das PLAYER-Magazin und arbeite an meinen Film-Projekten. Eins davon ist „14 Arten, den Regen zu beschreiben“.

Stephan: „14 Arten, den Regen zu beschreiben“ – Wie ist der Titel entstanden?

Marcel: Oh je, das ist eine längere Geschichte… Titelfindung ist ja immer so eine Sache, meistens quält man sich ewig, manchmal bis kurz vor Beendigung des Schnitts. Hier ging es zur Abwechslung mal recht einfach. Ursprünglich hatte das Projekt den Titel „Die versiegelte Zeit“, was aber eher ein Arbeitstitel war. Es gibt ein Buch, das ich zu der Zeit gelesen hab, mit demselben Namen. Darin sind Texte des russischen Filmemachers Andrej Tarkowskij versammelt. Es schien mir passend, weil die Zeit und das Verschließen in meinem Film eine große Rolle spielen. Aber es sollte nur ein Arbeitstitel sein. Dann bekam ich einen Text von Adorno in die Hände, in dem es um Filmmusik geht. Der Text hatte die Überschrift „14 Arten, den Regen zu beschreiben“. Ich habe herausgefunden, dass es eine Komposition von Hanns Eisler mit demselben Namen gibt. Diese Komposition wurde für den Kurzfilm „Regen“ von Joris Ivens, ein holländischer Experimentalfilmer, geschrieben. Der Kurzfilm beschreibt in 14 Minuten die Veränderungen einer Stadt, während eines Regenschauers. Das ist einfach wunderbar anzuschauen. Und passte auch sehr gut zu meinem Projekt, da es hier auch um die Beobachtung von kleinsten Veränderungen geht. Jedenfalls, für mich waren der Titel, die Musik und der Kurzfilm, inhaltlich und künstlerisch, eine Art Haltepunkt, etwas, woran ich mich orientieren und mit dem ich mich identifizieren konnte.

Stephan: Dein Dokumentarfilm beschreibt Kinder, die nicht mehr ihr Zimmer verlassen und wie ihre Eltern damit umgehen müssen. Ich muss zugeben, dass ich persönlich davon noch nie gehört hatte. Wie bist du auf dieses Thema gekommen?

Marcel: Das Phänomen des sozialen Rückzugs ist in Deutschland noch völlig unbekannt, obwohl es viele Betroffene gibt. Deshalb geht es vielen so wie Dir, wenn ich von dem Projekt erzähle. Und ich selbst hatte bis vor zwei Jahren auch noch nie etwas davon gehört. Ich bin über einen Zeitungsartikel darauf aufmerksam geworden. In dem Text ging es um die japanischen Hikikomoris, eine besonders extreme Form der Isolation. Die Jugendlichen leben über Monate und sogar Jahre in ihren Zimmern. Solche Fälle sind bei uns, wenn überhaupt, dann wirklich die Ausnahme. Aber das Thema hat mich interessiert und ich habe im Internet nach weiteren Informationen gesucht. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich die meisten Artikel nur mit dem Vorkommen in Japan beschäftigen. Und ich habe mich gefragt, ob es diese Kinder nicht vielleicht auch in Deutschland gibt. Und so ist das Projekt zustande gekommen. Ich habe Kontakt aufgenommen zu verschiedenen Kliniken, Ärzten, und Therapeuten und habe so nach und nach einen Einblick bekommen.

Stephan: Hast du Betroffene kennengelernt und wo liegen die Gründe für das Verhalten der Kinder?

Marcel: Ja, ich hab einige Betroffene kennen gelernt. Man kann sich ja vorstellen, dass diese Familien nicht gerade wild darauf sind, mit Wildfremden Menschen und dann auch noch mit Filmemachern, über ihre Probleme zu reden. Aber die Uniklinik Köln war da eine große Hilfe. Dort habe ich zwei Familien getroffen, die mir ihre Geschichten erzählt haben und meine Fragen beantworten konnten. Hier in Leipzig konnte ich dann in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik auch mit betroffenen Kindern sprechen. Außerdem gibt es im Internet einige Foren, in denen sich (ehemalige) Betroffene austauschen. Wo genau die Gründe liegen, ist schwer in einem Satz zu sagen. Erstmal ist der Rückzug keine Krankheit an sich, sondern „nur“ eine Folgeerscheinung bzw. ein Symptom für eine andere Erkrankung. Und das kann vieles sein, von sozialer Phobie, Schulangst und Depression, bis hin zu Diabetes. Die Palette ist riesig, und die Krankheiten selber haben ja dann auch noch mal eine Ursache, die es rauszufinden gilt. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass gerade Kinder heutzutage oft völlig überfordert sind. Man sieht ja an den jährlichen Zahlen, dass die psychischen und psychosomatischen Krankheiten bei den Erwachsen stetig zunehmen. Und bei den enormen Anforderungen, die an Kinder und Jugendliche, nicht nur in der Schule, gestellt werden, ist eine solche Reaktion eigentlich nicht verwunderlich.

Stephan: Was willst du persönlich mit deinem Dokumentarfilm erreichen und bewegen?

Marcel: Wir leben in einer Zeit, die durch Risiko, Konkurrenz und Leistungsdruck gekennzeichnet ist, und die viele Menschen an ihre physischen und psychischen Grenzen bringt – und darüber hinaus. Vor allem Kinder sind dieser rasanten Entwicklung und dem Stress der stetig wachsenden Anforderungen nicht mehr gewachsen. Getrieben von dem Gefühl, in die Welt geworfen und von ihr enthoben zu sein, unfähig, sich ihr anzupassen, dient ihnen das Zimmer als letzter Ort persönlicher Kontrolle, als ’Welt’ in der Welt. Ich möchte mit dem Film auf dieses Phänomen aufmerksam machen, denn meist werden nur die gehört, die auch am lautesten schreien. Aber es gibt eben auch die vielen leisen Leiden. Und die sollen durch den Film eine Stimme bekommen. Ich möchte hinter das Schweigen der Kinder und der Eltern schauen und herausfinden, wie ein solches Verhalten eine Familie verändert, welche Probleme und Sorgen, aber auch welche Hoffnungen und Glücksmomente es vielleicht im Laufe der Zeit geben kann. Ich möchte anderen Betroffenen mit dem Film Mut machen. Und alle Nicht-Betroffenen darüber aufklären. Denn viel zu oft hören diese Kinder und ihre Eltern Sprüche wie: „Die muss sich nur mal zusammenreißen.“ Oder sogar: „Dem hätte ich eine verpasst.“ Wir brauchen mehr Verständnis und vor allem mehr Bewusstsein für psychische Erkrankungen. Und wir müssen endlich verstehen, dass diese Probleme mit unserer Lebensweise, der Hektik, dem Stress, dem ständigen Konkurrenzverhalten zu tun haben. Und dass wir daran etwas ändern müssen.

Stephan: Du hast mit deinem Konzept den PHOENIX-Förderpreis 2009 gewonnen, was dir die Umsetzung der Idee in einen Dokumentarfilm ermöglicht. Auf deiner Facebook-Seite konnte man lesen, dass du Schwierigkeiten hast, eine betroffene Familie zu finden.

Marcel: Betroffene Familien zu finden, ist gar nicht das größte Problem. Die Schwierigkeit in dem zurückliegenden Jahr ist, dass ich jetzt schon auf der Suche bin, war vor allem, dass sich keine Familie vor die Kamera getraut hat. Das liegt einerseits daran, dass die meisten sofort an das denken, was sie täglich im Fernsehen zu sehen bekommen. Da braucht es viel Geduld und Überzeugungsarbeit, um sie davon zu überzeugen, dass ich so etwas natürlich nicht vor habe. Das was da bei RTL und diversen anderen Sendern passiert, ist verantwortungslos und stellt Menschen mit ihren Problemen bloß. Und die Eltern wollen sich und ihre Kinder, zu Recht, vor so etwas beschützen. Der zweite Grund ist eine ganz natürliche Scheu vor der Kamera. Aber einen solchen Film kann man nun mal nur mit Menschen machen, die im Jetzt und Hier von diesem Phänomen betroffen sind. Denn ich möchte einen Interviewfilm, der den Zuschauer mit Fakten zuschüttet, vermeiden. Mein Ziel ist eine Alltagsbeobachtung in einer oder mehreren Familien. Und zwar über einen längeren Zeitraum, am liebsten ein Jahr. Das ist viel verlangt, das weiß ich. Aber ich denke nur so kommt am Ende ein Film heraus, der dem Problem gerecht wird und der die Sorgen, Ängste und Hoffnungen der Eltern und der Kinder beschreiben kann. Deshalb gebe ich die Hoffnung nicht auf.

Stephan: Ich würde mich freuen, wenn du mir am Ende unseres Interviews noch einen kurzen Einblick in deine Zukunft gibst. Was hast du vor, und wo geht es hin?

Marcel: Also der Dokumentarfilm steht zurzeit an erster Stelle. Ansonsten habe ich einige Förderanträge zu laufen, und wenn es im Dezember positive Ergebnisse gibt, werde ich im nächsten Frühjahr endlich mal wieder einen Kurzfilm drehen und mein Drehbuch zu einem Kinospielfilm zu Ende schreiben. Ja und dann hoffe ich, dass es oft an die Ostsee geht, vielleicht mal nach Lissabon, denn da war ich noch nie, und außerdem zu vielen Konzerten…

Stephan: Danke für das Interview und viel Erfolg bei der Umsetzung!

Wenn du Marcel helfen kannst, Kontakt zu Betroffenen aufzubauen oder selber betroffen bist, dann kontaktiere ihn bitte. Ich finde, dass es dabei um ein Thema geht, welches angesprochen werden muss, um Aufzuklären. Ich würde mich freuen, wenn mit Eurer Hilfe die Dokumentation umgesetzt werden kann.


E-Mail      m.jaromil@gmx.de

Website   hor-grindel.de

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